Nach den Sternen greifen

Sieben Sterne, vier Kontinente – und wie aus einem Muskelkater des Todes eine Reise um die halbe Welt wurde… Damals, als ich meinen Bericht über den New York Marathon geschrieben habe, endete er mit einem Satz: „Ich greife also nach weiteren Sternen.“ Das war im November 2023. Ich hatte einen Stern aus Berlin, einen aus New York und einen Plan, den ich selbst für ziemlich verrückt hielt. Heute, im Sommer 2026, sind es sieben. Sieben Marathons, vier Kontinente, sieben Städte, in denen ich morgens um halb sechs nervös in einem Hotelzimmer gesessen habe und mich gefragt habe, was ich hier eigentlich mache. Und weil mich seitdem so viele von euch gefragt haben, wie das eigentlich alles gelaufen ist – hier ist die ganze Geschichte.

Kurz zurück: Berlin, der Muskelkater und Corona

2018 in Berlin bin ich meinen ersten Marathon gelaufen. Fast fünf Stunden, mit einer Banane und einem Müsliriegel in der Tasche, und am Tag danach tat mir alles weh bis in den kleinen Zeh. Ich habe damals geschworen, das nie wieder zu tun. Ihr wisst, wie das ausgegangen ist.

Was ich damals übrigens nicht wusste: An genau diesem Tag lief Eliud Kipchoge auf derselben Strecke in 2:01:39 Marathon-Weltrekord. Ich war also, ohne es zu merken, mitten in einem Stück Sportgeschichte unterwegs. So etwas erfährt man erst hinterher, wenn man abends erschöpft im Hotel sitzt und durchs Handy scrollt. Dann kam Weihnachten 2018 in New York und plötzlich der Wunsch hier könnte man doch auch mal einen Marathon laufen. Es folgte ein Probetraining beim MCM im Huckenohl Stadion mit Hans-Jürgen, der mich sofort herzlich aufgenommen hat – immerhin wollte ich den nächsten Marathon strukturierter laufen und ein Startplatz für den New York Marathon 2020. Und dann kam Corona, die Absage, und ich war am Boden zerstört. Rückblickend war diese Absage vielleicht das Beste, was mir passieren konnte. Aus einem einzelnen Startplatz wurden drei Jahre Vereinstraining. Und aus einer Läuferin, die mit einer Banane loszieht, wurde eine Läuferin mit Wettkampfverpflegung und einem echten Trainingsplan.

New York 2023 – der Stern, der alles ins Rollen brachte

Es war der schönste Marathon meines Lebens. 15 Grad, Sonne, kaum Wind, über 50.000 Läuferinnen und Läufer, und eine Stadt, die von der ersten bis zur letzten Minute Party gemacht hat. Ich hatte bei jedem einzelnen Kilometer ein Lächeln im Gesicht – und meine Bestzeit um über acht Minuten verbessert, trotz der tückischen Brücken. Ich weiß noch nach 28 Kilometern konnte mich nichts und niemand aufhalten, nach 35 Kilometern schrieb ich eine SMS ich kann nicht mehr, am Ende kam ich Grinsend ins Ziel – einen Marathon läuft man 30 Kilometer mit den Beinen, 10 Kilometer im Kopf, 2 Kilometer mit dem Herzen und 195m mit den Tränen. Besser könnte man es nicht beschreiben.

Einen Satz von der Startlinie des 5-km-Laufs am Vortag nehme ich bis heute mit auf jede Strecke: „Ey, du bist MCM – klar schaffst du den Marathon.“ (Iris) Der hat in den Jahren danach ziemlich oft gehalten.

London 2024 – der Marathon, der einen Arm um dich legt

168 Tage nach New York stand ich schon wieder an einem Startbogen. Das war der Moment, in dem aus einer Idee ein richtiges Projekt wurde – mit Trainingsplänen von Hans-Jürgen, mit Flügen, mit Zeitverschiebung und mit einer Familie, die das alles mitgetragen hat. Wenn New York dich anschreit, dann nimmt London dich in den Arm. Ich habe nie ein freundlicheres Publikum erlebt. Auf der Startnummer steht dein Vorname, und die Leute lesen ihn ab und rufen ihn dir hinterher, als würden sie dich kennen. „Come on, Eileen!“ – und ja, den Witz mit dem Lied habe ich an diesem Tag gefühlt vierhundert Mal gehört. Es war jedes Mal schön. Kinder halten dir die Hand hin, Bands spielen an jeder zweiten Ecke, ganze Familien stehen morgens im Nieselregen und jubeln Fremden zu. Und dann, bei Kilometer 21, kommt die Tower Bridge. Man läuft aus einer engen Straße heraus, plötzlich öffnet sich alles – Brücke, Türme, Themse, Lärm – und ich habe an dieser Stelle glatt vergessen, dass ich noch die Hälfte vor mir hatte. Die zweite Hälfte durch die Docklands ist dann die Rechnung, die London stellt. Lang, verwinkelt, weniger spektakulär. Aber am Ende biegt man auf „The Mall“ ein, links der Buckingham Palace, und alles ist wieder gut. Kanpp an meiner Zielzeit vorbei, aber immer noch eine neue Bestzeit, wieder acht Minuten. Über 50.000 Menschen im Ziel, ein Rekordfeld. Und bei den Frauen lief Peres Jepchirchir an diesem Tag mit 2:16:16 Weltrekord im reinen Frauenrennen. Ich fand das damals schon großartig – und finde es heute noch besser, wenn ich mir anschaue, wie wenige Frauen diese Serie überhaupt zu Ende laufen. Dazu später mehr.

Chicago 2024 – schnell, flach und gnadenlos ehrlich

175 Tage nach London, und ich merkte: Mein Körper macht das mit. Zwei Majors in einem halben Jahr, und ich stand im Grant Park und fühlte mich gut. Chicago ist Berlins amerikanischer Zwilling: pfeilschnell, brettflach, gebaut für Bestzeiten. Nach New York und seinen 400 Höhenmetern kam mir diese Strecke fast unheimlich vor. Es gibt keinen Hügel, hinter dem man sich verstecken kann. Es gibt nur dich, deine Vorbereitung und diese endlos geraden Straßen – genau wie in Berlin, nur mit Wolkenkratzern. Und genau darin liegt die Falle. Es geht so leicht am Anfang. Die Downtown-Schluchten werfen das Publikum von den Hauswänden zurück, man läuft wie im Rausch, und dann öffnet sich die Stadt in ihre Viertel: Lincoln Park, Boystown mit Bühnen und Konfetti, Pilsen, Chinatown mit Trommeln und Drachen. 29 Nachbarschaften, und jede zeigt dir ihr eigenes Gesicht. Im Prinzip ist auch dieser Marathon eine kleine Städterundreise. Die Kilometer 32 bis 38 auf der Michigan Avenue sind dann lang, gerade und ziemlich still. Da hilft nur der Kopf. Und dann kommt, 400 Meter vor dem Ziel, diese eine kleine, gemeine Rampe hoch zur Roosevelt Road – der einzige Anstieg des ganzen Tages, und er kommt genau dann, wenn nichts mehr da ist. Wer sich Chicago als „flachen“ Marathon vorstellt, den möchte ich an dieser Rampe sehen. Mein bisher schlechtester Marathon vom Gefühl her, Seitenstiche und Verzweiflung nach der Hälfte – aber für den Kopf der Beste – gekämpft, gegangen, weiter gemacht angekommen! Chicago – ich komme nochmal vorbei irgendwann, wir haben noch eine Rechnung offen.

Tokio 2025 – Präzision als Form von Respekt

Tokio ist anders. Nicht lauter, nicht schöner – anders. Hier ist ein Marathon kein Volksfest, sondern beinahe eine Zeremonie. Es fängt bei der Organisation an: rund 38.000 Menschen, und alles läuft mit einer Genauigkeit ab, die ich nirgends sonst gesehen habe. Es geht weiter bei den Freiwilligen, die dir den Becher mit beiden Händen und einer kleinen Verbeugung reichen. Und es endet bei einem Publikum, das nicht brüllt, sondern klatscht – aufmerksam, geduldig, kilometerweit, den ganzen Tag. Die Strecke geht von Shinjuku hinunter durchs Regierungsviertel, am Kaiserpalast vorbei, durch Nihonbashi, hinaus nach Asakusa zum großen roten Kaminarimon-Tor, runter nach Toyosu und wieder zurück. Wolkenkratzer und Tempel, Anzüge und Kimonos, alles innerhalb von 42 Kilometern. Eine Sache, die viele nicht wissen: In Tokio werden mehr Six Star Medaillen vergeben als bei jedem anderen Major. 2023 waren es über 3.000 an einem einzigen Tag – Guinness-Weltrekord. Man läuft dort also mitten in einem ganzen Feld von Leuten, die dasselbe Ziel verfolgen wie man selbst. Das ist ein sehr eigenartiges, sehr schönes Gefühl: lauter Fremde, die genau wissen, warum du hier bist. Ich habe in Tokio zum ersten Mal begriffen, dass diese sieben Rennen nicht sieben Strecken sind. Es sind sieben Kulturen, die alle dieselben 42,195 Kilometer auf völlig verschiedene Weise feiern. Tokio war mein bisher schnellster Marathon und vom Körpergefühl her der schönste. Vielleicht auch weil er nicht so laut und schnell ist. Einfach mehr Ruhe. Mein Lied für diesen Marathon? Ordinary. Stern Nummer fünf.

Sydney 2025 – bei einer Premiere dabei

Es gibt Rennen, die man läuft, weil man einen Stern braucht. Und es gibt Rennen, bei denen man dabei sein will, weil sie zum ersten Mal stattfinden. Sydney war beides. Am 31. August 2025 wurde der Sydney Marathon zum allerersten Mal als siebter Abbott World Marathon Major ausgetragen – die erste Erweiterung der Serie seit ihrer Gründung. Rund 33.000 Läuferinnen und Läufer kamen ins Ziel, ein Vielfaches der Jahre davor. Und im Feld lief Eliud Kipchoge mit, sieben Jahre nach jenem Berliner Weltrekord, bei dem ich 2018 als Marathon-Anfängerin irgendwo weit hinten unterwegs war (ich lief gerade los, als er ins Ziel kam). Dass sich da ein Kreis schließt, ist mir erst später aufgefallen. Ehrlich gesagt hatte ich Sydney unterschätzt. Nach New York dachte ich, ich weiß jetzt, was hügelig heißt. Sydney ist die härteste Strecke der ganzen Serie – die Stadt ist einfach nicht flach, und die ersten 20 Kilometer nehmen sich, was sie brauchen. Aber dann kommt die Harbour Bridge. Und danach läuft man auf das Opera House zu, Wasser links, dieses weiße Dach vor sich, das jeder Mensch auf der Welt kennt. Diese Startnummer bekommt niemand ein zweites Mal: die erste Auflage eines Majors. 

Boston 2026 – sechster und siebter Stern in einem Zieleinlauf

Boston habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Nicht aus Taktik, sondern weil es sich richtig angefühlt hat, dort aufzuhören, wo alles herkommt.

Der 20. April 2026 war die 130. Auflage des Boston Marathon – der älteste jährlich ausgetragene Marathon der Welt, seit 1897. 30.000 Menschen aus mehr als 130 Ländern versammeln sich in einem Dorf namens Hopkinton, um von dort aus nach Osten zu laufen, wie es seit fast 130 Jahren gemacht wird. Zum ersten Mal gab es sechs Startwellen statt vier. Man steht da zwischen Leuten aus aller Welt, und alle wissen: Das hier ist der eine. Boston läuft man nicht, Boston bewältigt man. Die erste Hälfte geht bergab und zerlegt dir völlig unbemerkt die Oberschenkel – man fühlt sich fantastisch und bezahlt es später. In Wellesley kommt der Scream Tunnel: Hunderte Studentinnen, die so laut sind, dass man sie einen Kilometer vorher hört. Ich habe da gelacht und gleichzeitig Gänsehaut gehabt. Und dann, ab Kilometer 27, die Newton Hills. Vier Anstiege, von denen der letzte einen Namen hat, den sich niemand ohne Grund ausgedacht hat: Heartbreak Hill. Da war ich an dem Punkt, den jeder Marathonläufer kennt – dem Punkt, an dem nichts mehr automatisch geht. Genau der Punkt, den ich in Berlin 2018 zum ersten Mal erlebt habe und für den ich acht Jahre später immer noch keine Abkürzung kenne. Man kommt da nur mit dem Kopf durch. Und mit dem Wissen, dass ein ganzer Verein in Menden mitfiebert. Was danach passiert, ist der Grund, warum man das alles macht: Brookline, das Citgo-Schild am Horizont, rechts in die Hereford Street, links in die Boylston Street – und da liegt sie, diese lange, breite, unfassbar laute Gerade mit der Ziellinie am Ende. Die berühmteste Zielstraße des Laufsports. Auf diesen letzten 600 Metern wurden aus fünf Sternen zwei Auszeichnungen gleichzeitig: die Six Star Medal für die sechs Klassiker – und der Status Seven Star Finisher, weil Sydney ja schon acht Monate vorher erledigt war. Sechster und siebter Stern in einem einzigen Zieleinlauf. Was ich im Ziel gefühlt habe, kriege ich hier nicht ordentlich hin. Acht Jahre, vom Muskelkater in Berlin bis zur Boylston Street. Das war ein sehr, sehr guter Tag.

Zahlen, Daten, Fakten

Jetzt der Teil, der mich selbst am meisten überrascht hat, als ich ihn nachgeschaut habe. Weltweit laufen jedes Jahr über eine Million Menschen einen Marathon. Die Six Star Medal gibt es seit 2016. Bis zum 11. Dezember 2025 haben sie genau 23.260 Menschen aus 139 Ländern bekommen. In zehn Jahren. Weniger als ein Drittel aller Six Star Finisher sind Frauen – rund 28,7 Prozent. 

Und die sieben Sterne?

Da wird es richtig klein. In der offiziellen Seven Star Hall of Fame von Abbott stehen 4.561 Läuferinnen und Läufer – Weltweit (Stand Dezember 2025). Und Deutschland? 134… und Frauen in Deutschland? 40. Thats it. Ich bin eine davon. Aus Menden. Die erste im MCM. Und ich verdammt stolz darauf. 

Und jetzt? Man könnte hier aufhören. Sieben Sterne, Medaillen an die Wand, gut ist.

Aber die Serie wächst. Am 23. Mai 2027 wird der Sanlam Cape Town Marathon als achter Abbott World Marathon Major ausgetragen – der erste Major auf afrikanischem Boden. Und danach könnte es schnell weitergehen: Der Shanghai Marathon steckt gerade im Bewerbungsverfahren. Wenn er es schafft, gibt es zum ersten Mal eine Nine Star Medal.

Ich habe mein nächstes Ziel also schon: Kapstadt 2027. Der achte Stern, ein fünfter Kontinent, der Tafelberg im Rücken. Und dann fehlt nur noch einer – Shanghai 2027. Und wie geht’s dann weiter? Ich würde gerne auf jedem Kontinent einen Marathon laufen – ja auch in der Antarktis gibt es einen. Wir haben immerhin nur das eine Leben. 

„Nach den Sternen greifen“ heißt ja eigentlich: sich etwas vornehmen, was fast unmöglich ist. Ich glaube inzwischen, dass es weniger unmöglich ist, als es klingt – wenn man nicht alleine losläuft.