01.06.2006 20:16 von Thomas Kuschel
Sonne, Strand, Wälder, Seen, Schweiß und Sand
Der härteste und schwerste Lauf meines Lebens
Der dreckigste, entbehrungsreichste Lauf meiner Karriere
Die ultimative Herausforderung für Körper und Geist
Und doch…
Der schönste und glücklichste Lauf meines Lebens
Eigentlich
habe ich ja nur einen Ersatz-Lauf für den Bad-Water-Ultra gesucht. Und
über Holger Finkernagel bin ich an den Trans Aq’ gekommen. Das ist ein
Lauf über 230km die südliche französische Atlantikküste hinab. 6
Etappen von 25 bis 68 Kilometer Länge waren zu bewältigen, die vierte
als Nachtetappe. Gut, für einen erfahrenen Ultra nicht wirklich etwas
übermäßig Schweres. Eine Woche Trainingslager bietet da ähnliches. Doch
wenn ich vorher gewusst hätte, was mich da erwartet, ich weiß nicht ob
ich es gemacht hätte.
Holger, seine Frau Uli, Said Kahla,
Silke ‚Sunny’ Seekamp, die beiden jordanischen Schwestern Lama und Dima
Hattap und ich bildeten unsere Reisegruppe. Uli hatte sich angeboten
bei der medizinischen Versorgung zu helfen, wir anderen wollten Laufen.
Doch zuerst zu den Vorbereitungen. Man muss wissen, dass der Trans Aq
dem Marathon de Sable sehr ähnlich ist. Dass heißt während der sechs
Lauftage muss jeder Läufer alles was er in dieser Zeit braucht mit sich
im Rücksack tragen muss: Schlafmatte, Schlafsack, Kleidung und selbst
das Essen. Die Organisatoren stellten lediglich die Zelte für die
Übernachtung auf Campingplätzen, Gaskocher und Trinkwasser (in absolut
ausreichenden Mengen) zur Verfügung. So was hatte ich noch nie gemacht
und da ich immer gerne was Neues ausprobiere, dachte ich, das ist mal
was ganz anderes.
Ohne Holgers und Saids Hilfe, die den
Premierelauf im letzten Jahr bereits mitgemacht hatten, wäre ich
allerdings ziemlich aufgeschmissen gewesen. Ihre Tipps und Erfahrungen
waren Gold wert. Also haben wir uns in Bad Berleburg getroffen und sind
am 01.06. mit einem Van und einem Wohnmobil ab in den Süden. Mit einer
Zwischenübernachtung südlich von Orleans und einer Überquerung der
Gironde-Mündung trafen wir am 02.06. in Le Pin Sac, einem Campingplatz
an der Atlantikküste des Medoc, nachmittags ein. Ein Wagen führ zum
Ziel in den Süden, Uli wollte uns von Etappenlager zu Etappelager im
Wohnmobil begleiten. Wir haben noch einen tollen Tag am Strand
verbracht und ein leckeres Essen mit gutem Wein aus dem Medoc bekommen.
Die Nacht war noch kühl in den Zelten und Schlafsäcken.
Am
Samstag wurden wir noch mal voll verpflegt und nach dem Frühstück ging
es dann zur Sache. Jeder musste seinen Rücksack wiegen lassen
(Maximalgewicht 8 kg durfte nicht überschritten werden), die Ausrüstung
wurde von der Organisation überprüft, die ausreichende Mitnahme von
Verpflegung kontrolliert. Es gab einen medizinischen Checkup, Attest
und EKG mussten vorgelegt werden. Viele Sachen waren zu erledigen, so
dass der Vormittag schnell rum war aber wir nach dem Mittagessen noch
genügend Zeit für den Strand hatten. Vor dem Abendessen gab es noch
eine Besprechung der morgigen Etappe und eine Aushändigung des
Route-Books, dann ging es früh in die Schlafsäcke. Morgen würde es
ernst werden.
Am Sonntag, den 04.06. sind wir alle früh auf
und hatten unser erstes Frühstück aus dem Rücksackvorrat. Dann brachten
Busse das ca. 160 LäuferInnen starke Feld nach Norden an den Strand von
L’Amelie. Zum Schutz gegen den Sand hatte ich Damenstrümpfe über meine
Schuhe gezogen (ein extrem wertvoller Tipp von Holger), andere hatten
Gamaschen oder ähnliches übergestülpt, denn ohne Schutz vor dem
allgegenwärtigen Sand war ein Durchkommen fast unmöglich. Zuerst liefen
wir mehrere Kilometer über den Strand. Nur ein schmaler Bereich ließ
sich ganz gut laufen, die gesamte Breite war zu tief oder zu feucht.
Dann ging es über die Dünen ins Hinterland. Die sandigen Wege waren
manchmal mit einer dünnen Grasnarbe bewachsen, oft mit Pinien- oder
Kiefernnadeln voll gerieselt.
Doch überall war Sand. Lediglich
kurze Stücke führten über befestigte oder asphaltierte Wege. Ein
kilometerlanger Sandkasten reihte sich an den nächsten. Das war
verdammt hart. Und die Sonne knallte ordentlich: deutlich über 30°C am
frühen Nachmittag ließen den Schweiß strömen. Zum Glück gab es genug
Wasser, wenn auch nichts anderes an den Verpflegungsstellen. Gels oder
Bars mussten ja sowieso in der Eigenverpflegung enthalten sein. Nach
scheinbar endlosen Windungen durch Kiefernwälder, Dünen und
Heideflächen erreichten wir wieder den Campingplatz von Le Pin Sac und
durch einen großen Bogen das Ziel nach 40,2 Kilometern. Ich brachte
dafür 6:00:10h.
Auch wenn ich nicht auf einen guten Platz oder
eine gute Zeit aus war beim Trans Aq, so ist das doch ein Beleg für die
immense Schwierigkeit der Strecke. Sunny und Said waren vor mit
angekommen, Holger und Lama kamen kurz darauf. Dima hatte sich
unterwegs wohl verlaufen und kam erst sehr viel später an obwohl die
Strecke mit Flatterband eigentlich recht gut markiert war. Insgesamt
war es jedoch eine wirklich sehr schöne Etappe durch eine tolle,
abwechslungsreiche Landschaft, die einem aber auch viel abverlangte.
Nach
Dusche, dem Waschen der Laufklamotten (man hat halt im Rücksack nur das
allernötigste dabei) und ein wenig Ruhe im Zelt haben wir unser Essen
gekocht. Jeder hatte seinen Beutel Trecking Nahrung oder was sonst auch
immer. Es gab von der Organisation lediglich Wasser, das aber
großzügig. Mit dem Gaskocher war das alles kein Problem. Es gab wieder
ein Briefing für die 2. Etappe und ein Route-Book. Dann war der Tag
schnell vorbei und die LäuferInnnen legten sich in ihre Zelte zum
Schlafen.
Am 05.06. warteten ‚nur’ 30,4 Kilometer auf uns.
Nach dem Frühstück aus dem Rücksack und Zusammenpacken gab es noch mal
Wasser und dann ging es um 8:00 Uhr los. Wieder zog sich das Feld
schnell in die Länge. Und erneut folgte ein tiefsandiger Weg auf eine
Stück dünnen Pflanzenbewuchs und einen Kiefernwald. Das mag sich alles
eintönig anhören, doch wer Augen und Ohren für den Reiz dieser
Landschaft aufhält wird unheimlich viel entdecken und genießen. Es
folgte ein längeres Stück an einem See, dessen Ufer teilweise an
extremen Cross erinnerte. Da fing ich an zu Schwächeln, aber ein
erfahrener Ultra weiß, das läuft sich raus.
Also Energie
nachschieben aus dem Rücksack und weiter ging es. An einem Leuchtturm
vorbei erreichten wir dann einen betonierten ‚Radweg’. Eigentlich hatte
er diesen Namen nicht verdient, war er höchstens 40cm breit und oft
genug versandet (der allgegenwärtige). Ihm folge die Läuferschar einige
letzte Kilometer und erreichte das Ziel auf dem Campingplatz von
Carcans. Ich traf nach 5:21:06h ein, die Schwäche aus dem Mittelteil
war wieder größtenteils verflogen. Sunny, Said und Holger waren bereits
da, Dima und Lama hatten erneut eine falsche Abzweigung genommen und
trafen erst sehr viel später ein. Zudem hatte Lama so starke Schmerzen
an der Achillesferse, dass sie am nächsten Morgen nicht mehr an den
Start gehen konnte. Doch sie war bei weitem nicht die erste, die
aufgeben musste. Und viele andere liefen bereits mit Blasen und
Schmerzen. Der Sand und die Hitze lassen den Körper und besonders die
Füße leiden. Wieder war Duschen, Klamotten waschen und Essen machen
angesagt. Ebenso Briefing und Studium des Route-Books. Auf so engem
Raum unter solchen Bedingungen, das schweißt zusammen.
Und
dann kam der Hammer. Die 3. Etappe war das Königsstück: 68,5 Kilometer
durch teilweise extremes Gelände. Es ging um 07:00 los. Und waren die
erste Hälfte wie gewohnt sandige Wald- und Heidewege mit kurzen
befestigten Teilen, so hatte der zweite Abschnitt noch ein paar nette
Feinheiten. Lange schattenlose Stücke mit extrem tiefen und feinen
Sand, kilometerlanges Auf und Ab über eine schier endlose Anzahl Hügel
und Dünen – heftigst. Und über allem stand die Sonne bei fast 40°C über
Mittag. Die Organisation hatte ein einsehen und verkürzte die Strecke
etwas, da sonst zu viele das Ziel wohl nicht mehr im Zeitlimit erreicht
hätten. Holger und ich liefen die ganze Zeit zusammen und ziemlich
ausgepumpt, aber überglücklich erreichten wir nach 9:41:00 das
vorverlegte Ziel. Sunny und Said waren wieder vor uns, Dima kam nach.
Trotz der extremen Bedingungen bin ich hier meine beste Etappe gelaufen
und war danach auch relativ schnell wieder erholt.
Mit einem
Wagen fuhr man uns zum Cap Ferret, der Nordspitze der Bucht von
Arcachon. Dort war ursprünglich das Ziel geplant und deswegen stand da
unser Zeltlager auf dem wundervollen Sandstrand direkt am Atlantik. Ein
herrliches Fleckchen. Wieder gab es Trinkwasser, Duschen und
Wäschewaschen. Zum Rucksackessen gab es zu Feier des Tages heute eine
Flasche Wein für jedes Zelt. Wir haben bis tief in die Nacht zusammen
gesessen, das Meer genossen und das Erlebte ausgetauscht. Leider hatte
Holger sich entschieden nicht mehr weiter zu laufen. Wir waren alle
sehr traurig über seine Entscheidung. Aber er hatte sie für sich
getroffen und so mussten wir alleine weiter machen.
Dann am
folgenden Morgen brauchten wir nicht so früh raus: Erstmal ausschlafen.
Noch ein paar herrliche Stunden am Strand und eine Essensration aus dem
Vorrat, bevor wir am Nachmittag mit unseren Rucksäcken an der anderen
Seite des Cap Ferret eingeschifft wurden und die Bucht von Arcachon
überquerten. Am Fuß der Düne von Pyla landeten wir an. Da die Boote
nicht bis an den Strand kamen wegen des seichten Wassers sind wir noch
ein Stück durchs Meer. Pech, wer sich hier schon die Füße abgetaped
hatte. Dann ging es die Düne hoch (mit über 100 Metern die größte in
Europa).
Und von dort oben war es ein überwältigender
Ausblick, einer der schönsten meines Lebens. Nach Westen Meer bis zum
Horizont, über dem langsam die Sonne versank. Noch Osten grüne Wälder
soweit das Auge reicht, über die sich immer länger werdend der Schatten
der Düne ausbreitete. Und man selber hoch über allem – wahrhaft
grandios. Wir hatten gut zwei Stunden dieses Naturschauspiel zu
genießen.
Dann war um 21:50 die Sonne im Meer versunken und um
22:00 startete unsere Nachtetappe über 30,2km. Es ging für 3,5km über
den Dünenkamm und danach in die Wälder. Dunkelheit hüllte schnell alles
ein und im Licht der Stirnlampen ging es weiter. Auf den Tagetappen sah
man das nicht so. Erst im Lampenlicht sah man den ganzen Staub und
Dreck, den die LäuferInnen vor einem aufwirbelten und der am
geschwitzten Körper hängen blieb. Und die Zeit verflog. Der fast volle
Mond gab ein wenig Orientierung. An jeder Abzweigung zeigten
Leuchtstäbchen den richtigen Weg an. Man sah sie schon von weitem
schimmern. Meine Angst vor einem Verlaufen in der Dunkelheit war völlig
unbegründet. Auch wenn ich 05:03:08h für die Strecke brauchte, die mir
irgendwie sandiger vorkam als sonst, in der Finsternis war die gefühlte
Strecke wie im Flug hinter mir. Jetzt noch schnell duschen, einen
Happen essen und ganz schnell in den Schlafsack.
Nach viel zu
wenig Schlaf ging es schon wieder los. Das allmorgendliche Ritual. Dann
fuhren uns Busse zum nächsten Startort, dem Mimizan-Plage. Auf der
einstündigen Fahrt konnte man sich noch etwas Ruhe antun. Doch jetzt
war die Sonne richtig da und auf der heißesten Etappe brannte sie
ordentlich. Und besonders auf den letzten der 35,3 Kilometer ging es
über extreme Steilhänge dem Ziel entgegen. Es war noch mal richtig
hart, aber auch wieder wunderschön. Nach 06:37:40h habe ich das Ziel
erreicht: wieder ein Campingplatz unter Kiefern, wieder toll gelegen.
Dusche, Essen, Genießen. Zu Belohnung gab es ein Dose Cola und einen
Pfirsich. (Ich mag Pfirsich nicht besonders, aber nach soviel
Tütenfutter war was Frisches wunderprächtig). Es war ein so herrlicher
Tag, viele haben die Nacht vor dem Zelt unter freiem Himmel geschlafen.
Dann wieder ein Morgen, Freitag, der letzte Tag. Jeder war
freudig erregt und doch mit einem Funken Wehmut behaftet. Um 08:00 ging
es auf die letzten 25,5 Kilometer. Irgendwie habe ich die Wege viel
besser zu laufen empfunden, als all die Tage zuvor. Durch ein
Naturschutzgebiet und lange Zeit an einem verschlungenen Fluss entlang
war man nach 14,5 Kilometern über einen Dünenkamm am Meer. Die
restlichen 11 ging es am Strand entlang. Man musste oft seinen Weg
suchen. Ein schmaler Streifen zwischen Wasserkante und Dünen war prima
zu laufen. Ich hatte plötzlich riesige Kräfte und habe die vor mir
Laufenden eingesammelt. Dann floss der Fluss aus dem Naturschutzgebiet
ins Meer. Und wir mussten mitten durch: keine Steg, keine Brücke,
nichts. Manche zogen sich die Schuhe aus, andere stülpten Plastiktüten
über.
Ich bin einfach durch. Noch 6km. Scheiß was auf die
Blasen, die ich da noch bekommen sollte. Und ich bekam keine. Man sah
die Häuser des Zielortes schon vom Fluss aus auf den Dünen. Und langsam
kamen sie näher. Die Euphorie stieg. Dann waren die Häuser erreicht.
Noch um eine Düne herum und durch tiefen Sand den Strand hoch. Der
Zielbogen vor mir. Ein paar Schritte. Da. Angekommen, Ende, geschafft.
Endlich – schon vorbei? Tausend Gefühle kommen da gleichzeitig. Jubel,
Heulen – alles auf einmal.
Ich habe schon viele harte Kanten
gelaufen, verrückte Sachen gemacht. Aber der Trans Aq’ hat sie alle
geschlagen. Nie war es so hart, doch niemals schöner. Im Ziel wartete
Essen und Trinken auf die Angekommenen. Auch unsere Taschen mit all dem
guten Zeug. Eine Dusche und endlich rein in Sachen, die nicht zum
Himmel nach Sechstageschweiß gestunken haben. Alle waren froh, alle
stolz und überglücklich. Ich könnte noch ewig über diese herrliche Zeit
im Ziel philosophieren. Nur wer auch schon mal so was erlebt hat, kann
solche Gefühle nachvollziehen. Doch alles ist mal vorbei. Ich hatte
nach 38:17:29h gefinished (106.gesamt). Said (92.) brauchte 35:57:05,
Sunny (98.) 36:30:49 und Dima (128.) erreicht nach 44:08:42 das Ziel.
Leider
konnten wir nicht bis zum Abend auf die Afterrunparty warten, da wir
alle aus beruflichen Gründen nur allzuschnell wieder eingespannt waren.
So endete die sicherlich härtest Woche meines Lebens, doch es war
sicher auch eine der Schönsten. Wer mal was ganz anderes machen möchte,
viel Ausdauer und Kraft hat (besonders auch im Kopf), dem sei der Trans
Aq’ ans Herz gelegt. Die Schinderei ist gewaltig aber sie lohnt sich
wie kaum eine andere.