Nach Verletzung, Heuschnupfen und
Urlaub und somit nach einer wochenlangen "Nahe-Null-Kilometer-Zeit"
wird es jetzt langsam für mich Zeit wieder Gas zu geben. Schließlich
kommt Berlin immer näher. Und wie im letzten Jahr bietet der Marathon
im Fichtelgebirge eine willkommene Gelegenheit ein paar qualitativ
hochwertige Trainingskilometer aufzuschreiben.
Wie jedes Jahr
allerdings die üblichen Zweifel: Reicht die kurze Vorbereitung? Diesmal
immerhin zwei Wochen. Komme ich da heil durch? Wie heiss wird es
diesmal? Also eher verhaltener Optimismus. Letztes Jahr war ich nach
3:43 im Ziel. Bei 15 Grad. Heute wird es wohl doppelt so warm.
Hoffentlich verdoppelt sich nicht auch die Zeit...
Zusammen mit
der bei mir für Samstagmorgen bekannten Müdigkeit lässt sich daher ohne
größere Probleme die Strategie für den heutigen Lauf ableiten: Langsam
loslaufen und irgendwie durchkommen. Viele der Teilnehmer an diesem Tag
verfolgen wohl eine ähnliche Zielsetzung. Fichtelgebirge ist Genuß,
viele Läufer kommen hier jedes Jahr hin, manche treffe ich nur hier.
Einmal im Jahr.
Dementsprechend locker geht's dann
traditionsgemäß auch am Start zu. Keinerlei Hektik zu erkennen,
lockeres Loslaufen allerseits. Auch bei diesem Lauf, weit weg in der
nordöstlichen Ecke Bayerns, ist der Marathon-Club Menden natürlich mit
einem Großaufgebot vertreten:Lydia und Dieter sind diesmal auch mit
dabei und somit stellen wir immerhin gut 0,8% der Teilnehmer. Man
rechne das mal auf das Teilnehmerfeld beim Berlin-Marathon um!
Die
ersten drei Kilometer geht es erst einmal um den Weißenstädter See
herum. Hier findet übrigens auch immer der hiesige 6-Stunden-Lauf
statt, daher alle 200 Meter eine Markierung. Zum Warmlaufen ist das
ideal. Zum Aufwachen auch. Denn irgendwie bin ich noch ziemlich
verschlafen. Wie so oft bei Landschaftsläufen, da fehlt einfach das
Startfieber.
Weg vom See und rauf auf eine Landstraße, leicht
bergan, warmer, fieser Gegenwind. Schon jetzt - um 8:30 Uhr - locker
über 20 Grad und immerhin befinden wir uns ja schon am Start gut 600
Meter über dem Meeresspiegel. Das wird ziemlich warm heute. Aber gleich
geht's erst einmal in den Wald. Schatten und Windschutz. Kilometer 5,
die erste Verpflegungsstelle. Im Fichtelgebirge jedes Jahr perfekt
ausgestattet und bei dieser Wärme gibt es gleich ein Wasser und ne Cola
dazu. Cola bei Kilometer 5! Da merkt man, dass dieser Lauf von Läufern
organisiert ist. Klasse.
Schlagartig wird es still im
Läuferfeld. Gut 400 Höhenmeter sind bis Kilometer 11 zu bewältigen. Zur
Erholung geht es zwischendurch aber etwa einen halben Kilometer leicht
bergab. Durchatmen und dann wacker hoch zum Schneeberggipfel (1053 m ü.
NN). Wie jedes Jahr lasse ich es hier betont langsam angehen, trotzdem
überholt mich hier niemand und ich kann viele Plätze gut machen. Wie
jedes Jahr. Nach 1:03 bin ich oben. Völlig absurd, eine Minute
schneller als im letzten Jahr. Und da war ich deutlich besser trainiert
und es war locker 10 Grad kühler.
Es folgt der wohl schönste
Teil der Strecke, gut 10 Kilometer wieder bergab, insgesamt ca. 500
Höhenmeter. Zunächst recht steil mit wunderschönen Ausblicken und dann
im Wald nur leicht bergab. Hier läuft man wirklich auch mal einen
Kilometer ganz alleine. Balsam für die Psyche, Erholung noch dazu, nur
hier und da mal ein Abzweig oder eine Verpflegungsstelle, sensationell
schön. Nur die Uhr behalte ich genau im Blick: Keinen Kilometer
schneller als 5 Minuten, immer locker bleiben, nicht verleiten lassen.
Denn das Streckenprofil ist verdammt tückisch. Man denkt, dass nach dem
Schneeberg der Großteil der Höhenmeter weg ist. Und dass danach nur
noch verhältnismäßig harmlose Steigungen kommen. Bei Kilometer 25 der
Anstieg zur Kösseine mit gut 200 Höhenmetern und dann eigentlich nichts
mehr. Und wer nun mit dieser Fehleinschätzung im Vollgasrausch den
Schneeberg runter läuft, wird auf der zweiten Hälfte böse Probleme
bekommen. Doch das ist vielen egal. Ich werde nur überholt. Wie jedes
Jahr. Ist mir ziemlich egal, denn die Landschaft hier im Naturpark
Fichtelgebirge ist wunderschön. Genau beim Halbmarathon kommt man dann
oberhalb von Leupoldsdorf wieder aus dem Wald heraus. Die Uhr zeigt
1:58. Wie letztes Jahr. Ich fühle mich eigentlich ganz gut und zuckel
langsam durch den Ort - wie jedes Jahr - an der begeistert anfeuernden
Zuschauergruppe vorbei.
Nächstes Ziel ist Tröstau. Vier
Kilometer pralle Sonne, zum Teil auf einem ehemaligen Bahndamm. Zum
Glück verhüllen ein paar Wolken mal den Himmel, so hält sich das
Schwitzen (noch) in Grenzen. Es läuft gut. Ruhiger Schritt auf flachen
Wegen, ruckzuck ist Tröstau da mitsamt der großen Verpflegungsstelle.
Hier werden Fotos geschossen und
ein paar Tage später kann man sich dann mehr oder weniger im Internet
bewundern. Erstaunlich nur, wieviele Leute dort schon voll konzentriert
in Richtung der nächsten Steigung blicken. Und die kommt direkt nach
der Kurve. Zuerst einmal schattenlos am Golfplatz vorbei. Schlagartig
werden die Beine schwer, verschwunden ist all die Lockerheit der
letzten Kilometer, große Teile des Teilnehmerfeldes gehen hier und wenn
man wieder im Wald ist, kommt zum Glück erst einmal ein Flachstück.
Dann
allerdings wird's wirklich erfrischend, mit Steigungen bis zu 18%
geht's hoch auf die Kösseine, glücklicherweise nicht bis ganz nach
oben. Man muss nur wissen, dass ungefähr auf der Hälfte des Anstieges
ein Isostand ist, an dem es rechts weg geht. Mittlerweile schlurfe ich
nur noch ganz langsam vor mich hin, aber das reicht, um an vielen
Leuten vorbeizukommen. Trotzdem, jeder Schritt fällt schwer.
Irgendwann
bin auch ich dann oben. Röchelnd. Schwitzend. Schwere Beine. Kilometer
27. 2:29 Stunden. Also noch 1:31 für etwas mehr als 15 Kilometer, ergo
nur noch den 6er-Schnitt halten, dann komme ich so um vier Stunden rein.
Bis
Kilometer 32 geht's jetzt erst mal größtenteils runter, dann aber
(natürlich) wieder hoch. Nicht mehr so viele Höhenmeter, aber die
Müdigkeit kommt immer mehr in den Vordergrund. Vorbei an einem
Steinbruch runter zur nächsten Verpflegungstelle. Und es läuft prima.
Nicht mal das Malzbier, das ich irrtümlicherweise für Cola halte, kann
mich noch aufhalten.
Nochmal hoch und wieder runter, schon ist
Kilometer 35 da, die nächste Isostelle. Stefan und Tobi vom LLC aus
Regensburg beim achtzehnten Frühstück. Ich nutze die Gelegenheit und
rolle ungebremst vorbei. Einmal im Jahr bin ich schneller als die
beiden. Dann machen sie nämlich hier ihren gemütlichen Trainingslauf.
Und bei den Herbstmarathons sind sie dann wieder Stunden vor mir im
Ziel...
Kleinwengern, einmal durch den Ort und ab über's freie
Feld. Jetzt wird's warm. Und als dann irgendwann der Wald kommt und es
wieder bergab geht, weiss man schon, was einem blüht... oh ich hasse
diesen Hügel hinter der Senke mit der Brücke... Eigentlich ja gar nicht
viel, so etwa 30 oder 40 Höhenmeter. Aber zu dieser Zeit? Bah...
Oben
angekommen geht's wieder runter, diesmal nach Alexanderbad,
zwischendurch noch versucht, einem Mitläufer die Wadenkrämpfe zu
entkrampfen, es ist mittlerweile wirklich verdammt heiss geworden. Noch
eine Wiese, durch die Unterführung durch, schattenlos bergauf an einem
Gewerbegebiet vorbei, scharfe Rechtskurve - und dann kommt dieses
grauenhafte letzte Streckenstück nach Wunsiedel.
Freies Feld,
Sonne pur, Kilometer 39, grober Schotter, wieder rauf, noch mehr Sonne,
Kurve rechts, Kurve links, Wiese, wieder rauf..... jetzt wird's langsam
wirklich übel. Die Birne läuft heiss, die Kräfte lassen langsam nach -
aber natürlich ist da vorne immer noch jemand, den man ja doch noch
einholen könnte und die Uhr deutet mittlerweile auf eine Zeit knapp
unter 3:50 hin... also nochmal alles geben.
Endlich bergab und dann bei
Kilometer 40,5 nochmal eine Wasserstelle. Toll, richtig toll vom
Orgateam, denn hier verlassen einen spätestens die Kräfte und die
restlichen Meter gegen den Wind sind mit einem zusätzlichen Becher
Wasser durchaus leichter durchzustehen. Was soll's, das Stadion in
Wunsiedel ist da und plötzlich ist alles natürlich wieder ganz locker,
ab durch's Ziel, 3:49:12, locker austraben, endlich irgendwie in den
Schatten setzen und trinken, trinken und nochmals trinken. Erst jetzt
merke ich, wie warm es heute eigentlich ist. 29 Grad. Aber wie jedes
Jahr: Fünf Minuten später ist schon klar, dass ich hier wohl auch
nächstes Jahr wieder dabei sein werde. Ein wunderschöner Lauf in
herrlicher Natur und das noch alles perfekt organisiert. Die Anreise
lohnt sich wirklich!