07.08.2008 20:27 von Thomas Kuschel
Nachdem die Karwendel-Challenge ausgefallen war, hatte ich eine Ersatzbefriedigung gesucht und im Baltic-Run schnell gefunden. Der sollte dieses Jahr zum ersten Mal stattfinden: Fünf Etappen in fünf Tagen (3.-7.8.08), von Berlin-Mitte gen Norden bis zum Kaiserbad Karlshagen auf Usedom. Jeden Tage werden 60 bis 72Km gelaufen, so dass sich eine Gesamtstrecke von 322Km ergibt. Ausrichter ist die LG Nord Berlin (allen voran Silke und Jörg Stutzke und Lutz Raschke mit einer reichen Schar an Helfern).
Nach der Ankunft per Zug in Berlin am 02.08.2008, den wir schon zu viert genommen hatten, ging es nachmittags zur Sammelstelle. Das war eine Schule/Sportanlage im Herzen Berlins nur unweit des Alexanderplatzes. Nach der fröhlichen Begrüßung und der Ausgabe der Startunterlagen (unter anderem zwei Startnummern und je ein Begleitblatt für jede Etappe) ging es in die benachbarte Sporthalle. Dort trafen sich alle Baltic-Runner - ein bunt gemischter Haufen aus Anfängern im Etappenlauf bis hin zu erfahrenen Deutschland- oder sogar Transeuropaläufern. Die meisten kannten sich schon, und so war eine gemeinsame Basis schnell gefunden. Wir schlugen unser Lager mit Schlafsack und Isomatte für die Nacht auf und wechselten eine Menge Worte, Erfahrungen und Erlebtes. Gegen Abend zogen wir gemeinsam los zu einem Restaurant in der Nachbarschaft. Dort hieß das Organisationskomitee alle noch mal offiziell willkommen, es gab eine Vorstellung des Orga-Teams, einführende Worte zur Gesamtveranstaltung, zur ersten Etappe und sonst noch viel Wissenswertes zum Laufen und dem Baltic-Run im Allgemeinen wie Besonderen. Und dann gab es auch noch ein reichhaltiges und leckeres Abendessen. Nicht allzu spät machten wir uns nach und nach auf den Rückweg zur Sporthalle, denn am Morgen ging es früh los.
Manche mögen das Übernachten in Massenquartieren wie Sporthallen nicht. Sicher, es ist sehr schlicht und ohne die Annehmlichkeiten eines Hotels, aber da alle in dieser Halle das gleiche Schicksal traf, war es völlig in Ordnung, da jeder auch entsprechend Rücksicht nahm. So habe ich gut geschlafen und bin ausgeruht an diesem besonderen Morgen aufgewacht, denn es war nicht nur der Start des ersten Baltic-Runs sondern auch mein Geburtstag. Während des wieder guten und reichlichen Frühstücks im Schulgebäude bekam ich ein Geburtstagsständchen aller Versammelten und ein kleines Präsent seitens des Veranstalters, der mir passend zum neuen Alter die Startnummer 38 gegeben hatte (am 3.8. genau 38 zu werden ist schon was Besonderes).
Doch das nur am Rande. Wir packten unsere Schlafstatt wieder ein, verluden unser Gepäck in den Transportwagen und marschierten zum Alexanderplatz. Eine (total unsinnige) Auflage der Stadt Berlin ließ uns nach Presse- und Fototermin um 8:00Uhr im Wellenstart unter der Weltzeituhr mitten auf dem Alex auf die Strecke gehen. Im Minutenabstand starteten wir in 15er-Gruppen, wie es die Obrigkeit verlangte, nur um nach der zweiten Ampel stehen zu bleiben und zu warten, bis alle 60 LäuferInnen wieder beisammen waren.
Dann begann um kurz nach 08:00 der Baltic-Run. Wir liefen alle gemeinsam los mit dem Start der offiziellen Teilnahme, alle noch eine ganze Weile mehr oder weniger dicht zusammen und dann langsam jeder in seinem eigenen Tempo auf der Prenzlauer Chaussee gen Norden aus Berlin-Mitte hinaus. Berlin-Prenzlau folgte, und nach der Überquerung der früheren Grenze (heute eine Bahntrasse) waren wir schnell am Versorgungspunkt 1 (VP1) angelangt. An den grünen Ufern der Panke ging es immer weiter aus dem Ballungszentrum der Hauptstadt heraus und in den so genannten Speckgürtel (die umliegenden Siedlungsgebiete) hinein. Immer wieder verlief die Strecke abwechslungsreich durch Wohngegenden (Karow, Buch, Zepernick), unterbrochen von Seen, Wäldern und Grünflächen. Längst war das Feld weit auseinander gerissen, und man sah an den VPs, die alle 8 bis 10 Kilometer kamen, nur noch ein paar LäuferInnen vor und hinter einem. Ich hatte mein Tempo gefunden mit Alexander, der schon fast den gesamten Isar-Run 2007 mit mir gelaufen war. Unser Tempo ist praktisch identisch und er ein prima Laufpartner. Wenn man ein wenig reden kann, dann vergeht die Zeit schneller und man kommt auch auf andere Gedanken. Wenn es bei fortschreitender Distanz hart wir, ist es immer genial, sich gegenseitig ein Stück ziehen zu können. Nach etwa der Hälfte der Tagesstrecke war Bernau erreicht, eine kleine Stadt mit mittelalterlicher Stadtmauer, an der es ein ganzes Stück entlang ging. Einzig schade, dass man nicht mehr Zeit hat, sich das alles in Ruhe anzusehen, doch das sollte mir noch öfters so gehen. War es zuerst noch ein wenig bedeckt mit manch dunkler Wolke, so breitete sich langsam die Sonne über den ganzen Himmel aus mit steigenden Temperaturen. Jetzt wurde das Gelände auch deutlich welliger: keine langen Anstiege, aber ein ständiges Auf und Ab. Nach Biesenthal über heideähnliche Abschnitte und durch Kiefernwälder trafen wir bei Marienwerder auf den Finow- und den Oder-Havel-Kanal. An mehreren Schleusen vorbei ging es den Werbellinkanal zum Werbellinsee weiter. Noch ein paar Kilometer an seinem Westufer entlang, und dann war Hubertusstock, das Tagesziel, nach 6:40h erreicht. Alex und ich liefen gemeinsam ein. Etwa die Hälfte der Baltic-Runner war schon da, die anderen folgten.
Hubertusstock ist eigentlich nur ein Hotel. Das einzige während der 5 Tage. Eine nette Unterbrechung zu den Sporthallen. Wir freuten uns alle, gut angekommen zu sein, und nach und nach ging jeder auf sein Zimmer zum Duschen, Frisch machen, Erholen oder was sonst noch gut tat. Ich habe mir ein ganz besonders leckeres Geburtstagsbier gegönnt (das Präsent vom Frühstück) und eine Massage von Ramona, der Physiotherpeutin tat auch sehr gut. Vor dem Abendessen um 19:00Uhr gab es dann noch die Tagessiegerehrung und die Besprechung der zweiten Etappe. Wie jeden Abend waren Vertreter der jeweiligen Etappenorte anwesend und stellten ihre Heimat vor. Als Geburtstagsgeschenk durfte ich als erster ans Buffet. Doch auch der Letzte wurde noch reichlich satt. Alt wurde an diesem Abend wohl keiner, denn am nächsten Morgen ging es ja wieder früh los.
Um 5:00 krähte mein Hahn und ich pellte mich aus dem Bett. Kurz ins Bad, laufspezifische Körperpflege, Laufklamotten und um 5:30 zum Frühstück. Dort nach dem reichen Abendessen ein gutes, aber nicht so schweres Essen. Dann wieder aufs Zimmer, Tasche packen und um 6:30 die selbige am Transportwagen abgeben. Bei solchen Veranstaltungen ist es üblich, das Feld in zwei Gruppen aufzuteilen. Eine schnelle, die erst um 8:00 startete und der größere Rest, der eine Stunde früher auf die Strecke geht. Damit kann man verhindern, dass sich die Zieleinläufe auf einen zu langen Zeitraum erstrecken, und auch die VP's müssen nicht so lange vom Ersten bis zum Letzten warten. Also standen wir „Langsamen" um 7:00 unter dem Startbanner und pünktlich ging es los: Zuerst mal locker einrollen auf dem ersten Teilstück, seinen Rhythmus und das rechte Tempo finden. Alex und ich machten das wieder gemeinsam. Doch schon nach den ersten Kilometern wurden die reichlichen Wolken undicht und gaben ihr Nass ab. Wir waren noch am Werbellinsee, da waren wir auch schon total durchnässt. Gut, dass ich ein dickeres Shirt angezogen hatte, das hielt die Wärme besser am Körper, denn es waren nicht mehr als 12°C. In Joachimsthal war VP1, bei dem sich die Becher nie leerten, denn von oben kam stetig Nachschub. Die Helfer konnten einem da allerdings schon echt Leid tun. Vor Parlow (Kilometer 20) ging noch mal ein echter Wolkenbruch hernieder. Da quoll bei jedem Schritt das Wasser zwischen den Zehen hoch. Doch damit muss man halt rechnen, und dem Laufspaß tat das nicht wirklich Abbruch. Langsam ließ jetzt der Regen nach, und nach der Hälfte des Tagesetappe wurde es trocken mit sonnigen Abschnitten, doch wegen des Windes nicht so richtig warm, aber gut zu laufen. Waldstücke wechselten mit Freiflächen ab auf diesen ersten Kilometern durch die Schorfheide, und langsam wurden auch wir wieder trocken. Vom Kreis Bernau ging es in die Uckermark und durch die Gletscherendmuränen (aus der Eiszeit zurückgebliebene Hügel) war diese Etappe ein ständiges Rauf und Runter von kleinen Wellen, die das Laufen abwechslungsreich gestalteten, aber dafür mit sehr vielen Höhenmetern gespickt. Um den Oberuckersee nach Seehausen durch einsame Ecken bis weiter zum Unteruckersee setzte sich das so fort. Die Sonne war jetzt wohltuend. An VP6 stand ein Fernsehteam vom RBB und drehte eine Reportage über den Baltic-Run. Ich denke, ich bin auch durchs Bild gerannt. Dann waren wir noch vor VP7, dem letzen für heute, etwa bei KM55, da erwischte uns ein Schauer mit heftigem Seitenwind. Der Regen war eigentlich unnötig, denn mittlerweile waren selbst die Schuhe wieder fast trocken. Was will man machen? Umso mehr freute ich mich dann, die Kirchtürme der Marienkirche von Prenzlau, dem Tagesziel am Horizont zu sehen. Die Sonne kam durch, und als Alex und ich Seite an Seite nach 7:20h und 66 Kilometern ins Ziel an der Grabow-Schule einliefen, waren wir schon wieder gut angetrocknet. Also erst mal verschnaufen, eine kleine Stärkung und dann das Lager in der Sporthalle aufbauen, duschen (das Wasser hätte etwas wärmer sein können), Beine hochlegen und was sonst nach so einer Etappe nötig ist.
Das Massenquartier in der Sporthalle stärkt natürlich ungemein das Gemeinschaftsgefühl in einer Gruppe. Man kommt ins Gespräch mit alten Bekannten, lernt die „Neuen" kennen und ehe man sich versieht, ist es auch schon Abend. Der RBB war auch wieder da und machte mit seiner Reportage weiter. Darin waren Tagessiegerehrung und die Worte zur morgigen Etappe mit eingeschlossen. Ebenso die örtlichen Honoratioren mit ein paar Sätzen zu Prenzlau. Dann gab es wieder ein reichliches Abendessen, und der Abend klang in gemütlicher Runde aus, bevor ich mich in meinen Schlafsack kuschelte.
Wieder um 5:00 war die Nacht am Ende, und auch wenn wir heute zur längsten Etappe (72Km) eine halbe Stunde früher starteten, war mein morgendliches Tun so eingespielt, dass ich um die gleiche Zeit aufstehen konnte. Nach Frühstück, Packen und Gepäckabgabe versammelten wir uns um 06:30 vor der Halle und wieder ging es auf die Reise, die uns heute dem Flusslauf der Ucker, bzw. Uecker folgen ließ. Es war frisch so früh am Morgen, auch wenn die Sonne schien und ein wahrlich stürmischer Wind aus West blies - zum Glück mehrheitlich von der Seite. Nach fast 12Km am VP1 in Schönwerder waren Alex und ich eingerollt und wieder im täglichen Trott. Das Laufen verselbstständigt sich, alles geht automatisch. Man hat den Kopf frei. Da kommt wieder so richtig das Runnershigh durch, die Momente, für die ich das lange Laufen so liebe. Auch wenn es nicht mehr so extrem wellig war, wie am Vortag, folgte auch heute ein ständiges Auf und Ab. Durch kleine Ortschaften und viel Natur führte der Weg, und irgendwo vor Trebenow (KM20) überquerten wir die Grenze zwischen Brandenburg (Kreis Uckermark) und Mecklenburg-Vorpommern in den Kreis Ucker-Randow. Auf einer Brücke prunkte uns dann in großen Lettern die Schrift „Halbzeit: 161KM" entgegen. Das war also das Bergfest auf einer langen, sanften Steigung gen Pasewalk. Der Baltic-Run war zur Hälfte geschafft. In Pasewalk nahm ich mir wie schon öfters zuvor die Zeit ein paar Bilder der sehenswerten Innenstadt zu machen mit ihren Stadttoren und anderen Sehenswürdigkeiten. Doch schnell waren wir wieder heraus, und am VP4 am Ortsausgang bei KM 40 ging ein kurzer Schauer hernieder, doch kaum der Rede wert. Nach und nach wurde es flacher. Wir liefen über Land, teilweise schon durch wahrlich einsame Gegenden mit viel Grün und Natur, was ich sehr genossen habe. Vor Torgelow gab es ein sehr unattraktives Stück Strecke zwischen den VPs 5 und 6. Der Radweg führte über einige Kilometer parallel rechts neben der Schnellstraße, und auf der anderen Wegseite begrenzte ein hoher Stacheldrahtzaun mit Warnung vor Schusswaffengebrauch ein riesiges Bundeswehrgelände. Zur Trostlosigkeit dieses Abschnitts passte der leichte Regenschauer perfekt. Nach dem netten Torgelow merkte ich ein langsames Nachlassen meiner Kräfte bei wieder fast wolkenlosem Himmel, was nach einem ausgeprägten Schiss in das Unterholz seitlich des Weges aber schnell wieder in Ordnung war. Der siebte und letzte VP in Eggesin (auch sehr schön) tat gut, da auf den ebenen, oft schattenlosen letzten Kilometern die Sonne ordentlich stach. Dann floss die Uecker in das Stettiner Haff, und darum herum war Ueckermünde errichtet worden, das Tagesziel. Nach 8:00 h und 72 Km liefen Alex und ich wieder gemeinsam auf dem Marktplatz ein. Das war's dann für heute.
Wieder gab es erst mal reichlich zu trinken, und auch sonst alles, was man nach so einem Kanten braucht. Noch eine ganze Zeit haben wir hinter dem Ziel gesessen und unser Pläuschchen mit den Schnelleren gehalten und die neu Ankommenden begrüßt. Der Weg zur Sporthalle war nicht weit, und nach dem Bau des Nachtlagers dort, der wieder etwas zu gering temperierten Dusche und den anderen Pflegeritualen, die bei jedem doch wieder anders aussehen und oft kuriose Züge annehmen, habe ich mir mit Alex in der benachbarten Eisdiele einen Haufen Kalorien gegönnt. Der Mann muss guten Umsatz gehabt haben, denn von den LäuferInnen waren viele dort. Dann war der Abend schnell wieder da und in einem Gasthaus am Marktplatz gab es Abendessen. Vorher natürlich wieder Tagesehrung, die Vorstellung der vierten Etappe und die Rede der Bürgermeisterin. Das anschießende Essen fiel leider etwas zu sparsam aus, so dass fast alle Baltic-RunnerInnen in den umliegenden Gasthäusern noch mal nachlegten. Wir waren beim Italiener. Das hört sich alles verfressen an, aber bei so einem Lauf mit fünf Tagen unter Dauerbelastung braucht man gerne seine sechs bis achttausend Kalorien täglich. So fielen wir dann satt gegen 22:00 in unsere Schlafsäcke.
Und wieder ward es Morgen, und der Tag begann um 5:00. Wieder das gleiche, mittlerweile richtig gut eingespielte Schema aus Vorbereitung, Frühstück, Packen und das Treffen zum Start um 7:00 am Start. Eigentlich sind es weniger als 20 Kilometer nach Usedom, dem Zielort für heute auf der gleichnamigen Insel. Doch das Stettiner Haff und das Mündungsdelta der Peene in den Peenestrom machten den Weg mehr als drei Mal so lang. Nach einem Stück Straße und durch dichte Kiefernwälder war VP1 schnell erreicht. Doch irgendwas rumorte heftig in meinem Enddarm und wollte raus. Noch bevor ich die nächsten 10Km zu VP2 geschafft hatte, war ich drei Mal in den Büschen und habe mich hockender Weise ins Grün erleichtern müssen. Damit war natürlich das bisher so toll gewesene Zusammenlaufen mit Alex vorbei. Der war, wie viele andere, inzwischen weit vor mir und ich fand mich weit hinten im Feld wieder. Dafür ging es mir wieder richtig gut und das Rumoren war zu Ende. An der nächsten VP habe ich etwas länger pausiert, denn alles, was unten raus läuft ist ein Verlust und muss nachgetankt werden: also reichlich Nachschub rein, vor allem Flüssigkeit. Nachdem mein Darm so ziemlich vollständig entleert sein musste, konnte ich richtig frei auflaufen und war ernsthaft versucht, die Lücke nach vorne wieder zu schließen. Die Sonne schien vom blauen Himmel und die Temperaturen kletterten. So was mag ich. Ich lief weiter, schneller als geplant. Noch lag mehr als ein Marathon vor mir. Vielleicht konnte ich das Loch zu Alex zulaufen und gemeinsam mit ihm finishen. Immer wieder war die Küste der Insel Usedom in der Ferne zu sehen. Doch ich wusste ja, der Weg führte über einen weiten Bogen um das Haff durch Anklam. Und was für ein phantastischer Weg. Zuerst war es ein asphaltierter Damm, dann eine Schotterpiste durch Schilf und zwischen Wasserflächen. Eine Strecke zum Genießen, Natur pur. Das war sicher eines der absolut schönsten Stücke des ganzen Baltic-Runs. Dann kam VP4 am Ortseingang von Anklam und kurz darauf ein Bahnübergang etwa bei KM 35. Gerade liefen Roland und Michael aus der zweiten, schnellen Startgruppe wie jeden Tag nach etwas über der Hälfte an mir vorbei, da ging die Schranke runter keine hundert Meter vor uns. Also blieben wir notgedrungen stehen. Doch der Zug kam von rechts, hielt noch erst am Bahnhof, Leute stiegen ein und aus, der Zug wartete noch einen Moment und setzte sich langsam in Bewegung, bevor er den Bahnübergang passierte. Inzwischen waren auch Diethard, Markus und Dirk aufgelaufen und so hielten wir zu sechst ein nettes Pläuschchen an der Schranke, die sich nach über sechs Minuten wieder öffnete. So konnte man mitten in der Etappe auch mal die schnellen Jungs erleben. Natürlich war meine Chance jetzt noch nach vorne zu kommen gleich null. Also habe ich auf dem Weg durch Anklam ein paar schöne Bilder gemacht, ebenso bei der Überquerung der Peene und mit Diethard einen Partner gefunden, der in etwa mein Tempo lief. Aus Anklam hinaus ging es in einem nördlichen Bogen um die Sumpfgebiete der Peene herum, und nach einem Stück parallel zur Bundesstraße waren wir schnell wieder auf einem schönen Wald und Wiesenweg. Es folgten VP5 und 6 mit Rauf und Runter und dann noch mal ein schönes Stück durch Schilflandschaften zur Zecheriner Brücke. Mehrmals am Tag klappt diese Brücke hoch, und man muss warten, bis die Schiffe hindurch sind. Doch diese Wartezeit blieb uns erspart (wie auch allen anderen Baltic-RunnerInnen) und wir sind hinüber. Nun waren wir auf Usedom. Auf Nebenstrecken durch einige kleine Dörfer an der Südspitze der Insel verlief der Weg weiter zum letzten VP. Ob es an der Scheißerei am Morgen gelegen hatte oder weil ich doch nicht genug getrunken hatte, keine Ahnung. Die schwül-warmen Temperaturen taten ihr Übriges, um mich leicht dehydriert zu fühlen. Also habe ich noch mal sehr viel getrunken und das letzte Stück in Angriff genommen. Zum Glück gab es wegen des warmen Wetters noch eine Wasserstelle, und dann sah man auch schon Usedom vor sich. Der Kirchturm kam näher, und Diethard hat mich gut gezogen. Dann waren wir im Ort und nach ein paar schnellen Fotos bald am Ziel, das ein Stück außerhalb lag. Wir finishten nach 63 Kilometern und 6:58h.
Auch hier wieder das gleiche, schöne Ritual: alle Angekommenen begrüßen und beglückwünschen, etwas trinken, in der Sporthalle das Nachtlager aufstellen. Dann Dusche (die sanitären Einrichtungen hätten aber doch mal wieder renoviert werden müssen - gelinde gesagt), den Körper und seine Wehwehchen pflegen und sich einfach freuen und erholen. Dazu gab es noch ein Fass frisch gezapftes Rostocker Pils (Bier und Langlauf verträgt sich übrigens wunderbar, wenn man es nicht übertreibt). Auch eine Massage von Ramona, die jeden Tag das halbe Läuferfeld knetete, was sicher auch 'ne Art Leistungssport ist, tat unglaublich gut. Dann war es Zeit zum Abendessen in der örtlichen Gastwirtschaft. Natürlich gab es davor Tagessiegerehrung und die Worte des Usedomer Bürgermeisters zur letzten Etappe. Dann begann aber das große Fressen, denn so wie Frau Nutzke, selber ehemalige Leistungssportlerin im Gewichtheben, aufgefahren hatte, herrje, wir wären doppelt satt geworden. Wieder in der Sporthalle zurück bin ich vollgefressen in meinen Schlafsack und schnell weggeschlummert.
Kickericki macht mein Wecker und es war 5:00. Der letzte Morgen, danach wäre alles vorbei. Also auf zum allmorgendlichen Ritual und 2 Stunden später zum letzten Mal an die Startlinie. Irgendwie war jeder froh darüber und doch war auch ein wenig Wehmut mit dabei. Diesmal musste ich allerdings ohne Alex ins Rennen gehen. Der Teufelskerl hatte am Vortag einen raus gehauen und war in die spätere Startgruppe gerutscht. Und dann ging es auf die letzten 60Km. Nachdem Usedom schnell hinter uns lag, liefen wir an der Südostküste entlang des Stettiner Haffs. Wieder war es recht wellig, was aber auch schöne Ausblicke ermöglichte. Ich bin ziemlich verhalten los. Doch nach dem ersten VP habe ich ein wenig die Schlagzahl erhöht. Die ersten Schritte sind immer die schwersten, und mit jeder Etappe nimmt die Distanz zu, bis man eingerollt ist. Ab da geht das Laufen dann ganz von alleine, doch man braucht halt ein Weilchen. Nach dem Flughafen im Osten der Insel bei VP3 am Wolgastsee ging es dann Richtung Norden parallel zur oft nur wenige hundert Meter entfernten Grenze zu Polen. Da waren einige ordentliche Steigungen zu meistern. Entgegen meinem Vorsatz bin ich auch hier gelaufen statt gegangen - war ja der letzte Tag, wozu da noch schonen. Und plötzlich waren wir in Ahlbeck an der Nordküste Usedoms, und die Ostsee lag vor uns. Auf der breiten und ziemlich überlaufenen Uferpromenade mit einer Villa, Hotel, Gaststätte an der nächsten folgte der Weg der Küste. Rechts lag der Sandstrand, nur wenige Meter unterhalb. Was für ein Unterschied. So viele Kilometer auf oft menschenleeren Straßen und Wegen und dann diese Touristenhaufen. Der Vormittag schritt voran, und die Sonne stieg höher am fast wolkenlosen Himmel. Da waren die Temperaturen schnell knackig. Ahlbeck geht praktisch übergangslos in Heringsdorf über, und nach VP4 am Ende der ebenen Promenade knickte der Weg in das hügelige Hinterland ab. Dafür boten Wälder jetzt angenehmen Schatten. So was mag ich und habe noch mal raus gelaufen, was noch so an Reserven da war. Nach dem vielen Rauf und Runter habe ich dann aber gemerkt, dass ich zwar noch scheinbar endlos hätte hoch laufen können, doch meine linke Wade begann mehr und mehr zu schmerzen bei dem langen Schritt bergab. Vielleicht hätte ich mich doch etwas schonen sollen. Einer der letzten Anstiege war der Teufelsberg, eigentlich nur ein ganz kleiner Hügel. Da waren einige längere und mindestens ebenso steile zuvor gewesen. Was ihn so legendär macht, sind die 16%-Steigung-Schilder, die ein Foto wert waren. Dann waren in Koserow die Hügel zu Ende, und auf einem Damm in praller Sonne durchquerten wir den schmalsten Teil Usedoms. Und ich hatte das Gefühl, meine Wade platzt gleich - hätte ich mich doch geschont. Übermut tut selten gut, und ich bin wirklich zu schnell die Gefälle hinab gejagt. Jetzt bin ich ein ganzes Stück gegangen. So einige zogen an mir vorbei, die ich zuvor überholt hatte. Doch schneller war im Moment einfach nicht drin, nur der Wille anzukommen und das letzte Stück auch noch rum zu kriegen zählte. Erst kurz vor dem letzten VP bin ich wieder richtig angefangen zu traben. Doch je näher es dem Ziel ging, desto mehr kam ich wieder in Schwung. Der Schmerz war noch da, die Euphorie war einfach größer. Diese Freude aufs Ankommen setzte noch mal was frei, was man meint eigentlich gar nicht mehr haben zu können. Immer mehr breitet sich Hochstimmung aus. Das letzte Stück ging es über teilweise tiefsandigen Untergrund. Aber das war jetzt egal, Augen zu und drüber. Das Ziel kam immer näher, die Spannung stieg, die Freude wuchs. Nach einem Campingplatz war plötzlich der Kiefernwald zu Ende. Voraus sah man ein rotes Banner flattern. Da brach bei mir ein Damm. Fast im Sprinttempo bin ich die letzten Meter über den Karlshagener Strandplatz gefegt. Das Banner vor mir war fast erreicht, da bin ich stehen geblieben. Diesen einen, letzten Schritt habe ich ganz langsam gemacht, mit Genuss und - traps - ich war im Ziel auf der anderen Seite der Linie.
Was ne Freude, absolut geil, ein herrlicher Moment. Gratulationen folgten, allen voran Jörg und Lutz, die Orga-Chefs. Alle LäuferInnen begrüßten sich, tranken ihr Siegerbierchen (alkoholfrei) und freuten sich ihres Lebens und des Ziels. Jeder neu Ankommende wurde bejubelt. Jeder, der hier ankam und die Ziellinie überschritt, war nach 322km ein Sieger, egal in welcher Zeit oder mit welchem Platz - eine tolle Stimmung. Nach und nach ging fast jeder auch mal die paar Meter zum Strand und kühlte sich in der Ostsee ab. Auch wenn die Luft über 30°C hatte und das Wasser nur 20°C, so war das doch toll nach einem so langen Anlauf ins Meer hüpfen zu können. Irgendwann habe ich mich dann auf den Weg zur Sporthalle gemacht, um zu Duschen und die Beine hoch zu legen. Auf dem Weg kam ich an einem Irischen Pup vorbei, der leider erst um 21:00Uhr öffnete. Doch der Wirt brachte gerade Waren hinein. Da habe ich ihn angesprochen, ich hätte gerade den Baltic-Run gefinisht und fünf Euro dabei. Ob ich dafür ein Guinness bekommen könne. Er hatte vom Baltic-Run gehört, mir gratuliert und eines dieser total leckeren irischen Bierchen eingeschenkt. Und wie habe ich das genossen - köstlich. Dann bin ich zur Sporthalle weiter. Auch hier war fantastische Stimmung, jeder ein Sieger. Nach Nachtlageraufbau, Duschen, Erholen und einigem mehr ging es dann zum Abendessen ins Schützenheim, was noch einen Fußmarsch erforderte. Dort, unter freiem Himmel, fand dann die Siegerehrung statt. Neben dem roten Shirt, das bereits fast jeder trug, gab es Medaillen und Urkunden für jeden. Ich hatte insgesamt 36:06:55h Stunden gebraucht, was mir Platz 28 einbrachte, so gerade noch in der schnelleren Hälfte. Die Helfer ehrten alle Finisher einzeln und auch für deren tollen Einsatz dankten die LäuferInnen im Gegenzug. Alle waren froh über den so guten Verlauf der letzten fünf Tage seit dem Start in Berlin, der jetzt irgendwie schon eine halbe Ewigkeit zurück lag. Das ganze zog sich in die Länge mit Reden, Danksagungen und Glückwünschen, doch ich glaube niemand hat das so empfunden, denn es war ein wirklich gelungener Abschluss einer total tollen Veranstaltung. Dann gab es Abendessen und wir haben alle ordentlich rein gehauen. Der Abend zog sich noch bis weit in die Nacht, und innerlich noch immer in Hochstimmung, aber doch heftig müde bin ich dann irgendwann in meinen Schlafsack gekrochen.
Der nächste Morgen begann nicht um 5:00, sondern deutlich später mit einem guten Frühstück. Langsam packte jeder seine Sachen und nach und nach verabschiedeten wir uns. Roland und ich wollten noch einen Tag länger bleiben und verbrachten mit einigen anderen noch einen netten Tag in Karlshagen. Am Samstag fuhren wir mit dem Zug zurück in die Heimat.