Marathon-Club Menden e.V.
 

Great Wall Marathon 2005 in China
-Ein Treppenmarathon der Extreme
-Tobias Schulte erlebte seinen bisher härtesten Marathon
 
Zunächst zu den Hard-facts: Es starteten ca. 310 Marathonläuferinnen und Läufer aus über 32 verschiedenen Ländern. Ich erreichte nach 5h 10min als 16. meiner AK und 86. insgesamt das Ziel. Wie schon erwähnt war mir die Zeit nicht so wichtig, spätestens nach dem Besichtigungstag am Donnerstag war allen Teilnehmern klar, dass allein das "Finishen" schon schwer genug würde, offenbarten die 7 Km der Chinesischen Mauer teilweise Abschnitte, die wirklich extrem hart waren, zum Teil so steil, dass es vermutlich nur auf allen Vieren möglich sein würde die Steigungen erfolgreich zu meistern. Sehr viele relativierten nach der Besichtigung ihre Ziele und von nun an hieß es möglichst ohne Sturz und verletzungsfrei durchzukommen.



Zum Lauf selbst: Große Erleichterung beim Start, die Sonne zeigte sich kaum, max. 20 Grad sollten es werden. Zunächst mussten wir unmittelbar nach dem Start in Duanzhuang eine steile 5km asphaltierte Bergstraße laufen um den Punkt zu erreichen an dem wir erstmals auf die Mauer liefen. 3,5km auf der Mauer folgten, zum Teil gehend, zum Teil laufend, ohne Probleme, da die Beine ja noch sehr frisch waren. Immer wieder blickte ich in die sehr schöne landschaftliche Umgebung. Der Blick in die Berge, der sich von der Mauer bot, war bedingt durch die Höhe wunderschön. Doch ich musste mich auf die Treppen konzentrieren um nicht zu stürzen und besinnte mich erst einmal auf das Rennen und weniger auf die Umgebung. Wir mussten ja später nochmal 3,5km über die Mauer laufen. Für diesen Abschnitt hatte ich mir eh vorgenommen mehr die Mauer und die Umgebung zu genießen und mir die Zeit für ein paar Fotos zu nehmen.

Nach ca. 9km verließ ich die Mauer. Den ersten Abschnitt konnte ich prima meistern und erstmalig bot sich jetzt die Möglichkeit sich auf flacher Strecke richtig einzulaufen. Dass die ersten Kilometer härter waren als normal merkte ich allerdings schon. Bedingt durch die ersten 1800 Stufen fühlten sich die Beine schon an wie nach ca. 30km, was mich etwas beunruhigte. Einlaufen und die Beine bei kontinuierlichem Tempo möglichst bis km 36 (hier ging es dann erneut für 3,5km auf die Mauer) zu schonen war jetzt das Ziel. Das funktionierte auch ganz prima .

Da die Läufer aus allen Teilen der Welt nach China kamen, konnte man sich zwischendurch immer wieder mit anderen Läufern unterhalten und Erfahrungen austauschen. So verging die Zeit relativ schnell und irgendwie freute ich mich immer mehr darauf endlich wieder auf die Mauer laufen zu können, war es doch zum Abschluss eines Marathons ein ganz besonderer letzter Streckenabschnitt.

Dann war es soweit, KM 36: Es ging endlich wieder auf die Mauer, ich konnte es kaum erwarten, doch die Freude hielt nur kurze Zeit an. Meine Beine signalisierten mir ziemlich schnell nach ca. 150-200 Stufen, dass sie darauf keine Lust mehr haben und erstmals musste ich feststellen, dass ich nicht mehr in der Lage war Treppenstufen zu "ergehen". Meine Füße klebten förmlich am Boden. Einfach gesagt. Ich war platt, Treppenlaufen ist nach 36 absolvierten Kilometern einfach nicht mehr möglich und ich stellte mir die Frage wie ich denn noch in das Ziel kommen soll. Ansonsten war mein Kreislauf und sonstiges Wohlbefinden ganz ok, dennoch war ich sehr froh, als mir ein Tourist, der gerade auf der Mauer wanderte, etwas Schokolade in die Hand drückte. Ich fragte mich, ob ich wohl der einzige Läufer bin, der derartige Probleme hat.

Die Antwort auf die Frage bekam ich nach der nächsten Kurve und mich traf der Schlag als ich vor mir eine "Wand" mit ca. 400 Stufen sah und wusste auch diese erklimmen zu müssen. Allerdings war der Schock schnell vergessen und ich musste lachen, als ich sah, dass ca. 25 Läufer auf den Stufen saßen und scheinbar auch ihr Rennen hier vorzeitig unterbrechen mussten. Wir hatten alle das gleiche Problem, wir konnten nicht mehr "da hoch" und ich beschloss mich zu den anderen zu gesellen und 15 Minuten zu pausieren. Jetzt endlich hatte ich dann auch Zeit Fotos zu machen und mir in aller Ruhe die Schönheit dieser Bergwelt anzugucken. Immer wieder kamen andere Läufer hinzu und pausierten ebenfalls. Andere gingen weiter und starteten einen neuen Versuch.

Motiviert durch einen Brasilianer der meinte "noch etwas zu Ende bringen zu müssen" machte auch ich mich wieder auf den Weg. Irgendwie klappte es dann doch, die Beine zitterten, aber KM 42 schein nicht mehr weit. Erstmalig musste ich auch hier die Erfahrung machen, einige Meter auf allen Vieren zu absolvieren :-) Noch ein letztes Mal beim Verpflegungsstand den Kopf in einer Wassertonne untergetaucht und laufend die Ziellinie erreicht.

Es war großartig, vielleicht einer meiner härtesten Marathonläufe, doch die Strapazen haben sich gelohnt. Es zu schaffen, den toten Punkt beim Marathon zu überwinden um später doch noch erfolgreich zu finishen, das ist immer wieder ein tolles Gefühl und Grund genug es zu wiederholen. Den Augenblick bei KM 37, vor dieser schier unüberbrückbaren Passage mit 400 Stufen zu stehen und nicht zu wissen, wie man es schaffen soll, den werde ich, wie überhaupt den gesamten Lauf, nie in meinem Leben vergessen. Zeigt mir aber auch, dass Kraftreserven da sind, auch wenn man dies nicht mehr vermutet.

Jetzt werde ich mich etwas ausruhen und langsam auf den nächsten Marathon am 12. Juni in Edinburgh vorbereiten. Zwar habe ich da keine Mauer zu besiegen, aber dennoch warten auch hier wieder Überraschungen und sicherlich eine Vielzahl schöner Erfahrungen auf mich.

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