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La
Trans Aq' 2006
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230 Kilometer durch den Südwesten Frankreichs
- Ein Bericht von Tom Kuschel
Sonne,
Strand, Wälder, Seen, Schweiß und Sand
Der härteste und schwerste Lauf meines Lebens
Der dreckigste, entbehrungsreichste Lauf meiner Karriere
Die ultimative Herausforderung für Körper und Geist
Und doch…
Der schönste und glücklichste Lauf meines Lebens
Eigentlich habe ich ja nur einen Ersatz-Lauf für den
Bad-Water-Ultra gesucht. Und über Holger Finkernagel bin ich an
den Trans Aq’ gekommen. Das ist ein Lauf über 230km die
südliche französische Atlantikküste hinab. 6 Etappen von
25 bis 68 Kilometer Länge waren zu bewältigen, die vierte als
Nachtetappe. Gut, für einen erfahrenen Ultra nicht wirklich etwas
übermäßig Schweres. Eine Woche Trainingslager bietet da
ähnliches. Doch wenn ich vorher gewusst hätte, was mich da
erwartet, ich weiß nicht ob ich es gemacht hätte.
Holger, seine Frau Uli, Said Kahla, Silke ‚Sunny’ Seekamp,
die beiden jordanischen Schwestern Lama und Dima Hattap und ich
bildeten unsere Reisegruppe. Uli hatte sich angeboten bei der
medizinischen Versorgung zu helfen, wir anderen wollten Laufen.
Doch zuerst zu den Vorbereitungen. Man muss wissen, dass der Trans Aq
dem Marathon de Sable sehr ähnlich ist. Dass heißt
während der sechs Lauftage muss jeder Läufer alles was er in
dieser Zeit braucht mit sich im Rücksack tragen muss: Schlafmatte,
Schlafsack, Kleidung und selbst das Essen. Die Organisatoren stellten
lediglich die Zelte für die Übernachtung auf
Campingplätzen, Gaskocher und Trinkwasser (in absolut
ausreichenden Mengen) zur Verfügung.
So was hatte ich noch nie gemacht und da ich immer gerne was Neues
ausprobiere, dachte ich, das ist mal was ganz anderes.
Ohne Holgers und Saids Hilfe, die den Premierelauf im letzten Jahr
bereits mitgemacht hatten, wäre ich allerdings ziemlich
aufgeschmissen gewesen. Ihre Tipps und Erfahrungen waren Gold wert.
Also haben wir uns in Bad Berleburg getroffen und sind am 01.06. mit
einem Van und einem Wohnmobil ab in den Süden. Mit einer
Zwischenübernachtung südlich von Orleans und einer
Überquerung der Gironde-Mündung trafen wir am 02.06. in Le
Pin Sac, einem Campingplatz an der Atlantikküste des Medoc,
nachmittags ein. Ein Wagen führ zum Ziel in den Süden, Uli
wollte uns von Etappenlager zu Etappelager im Wohnmobil begleiten. Wir
haben noch einen tollen Tag am Strand verbracht und ein leckeres Essen
mit gutem Wein aus dem Medoc bekommen. Die Nacht war noch kühl in
den Zelten und Schlafsäcken.
Am Samstag wurden wir noch mal voll verpflegt und nach dem
Frühstück ging es dann zur Sache. Jeder musste seinen
Rücksack wiegen lassen (Maximalgewicht 8 kg durfte nicht
überschritten werden), die Ausrüstung wurde von der
Organisation überprüft, die ausreichende Mitnahme von
Verpflegung kontrolliert. Es gab einen medizinischen Checkup, Attest
und EKG mussten vorgelegt werden. Viele Sachen waren zu erledigen, so
dass der Vormittag schnell rum war aber wir nach dem Mittagessen noch
genügend Zeit für den Strand hatten. Vor dem Abendessen gab
es noch eine Besprechung der morgigen Etappe und eine Aushändigung
des Route-Books, dann ging es früh in die Schlafsäcke. Morgen
würde es ernst werden.
Am Sonntag, den 04.06. sind wir alle früh auf und hatten unser
erstes Frühstück aus dem Rücksackvorrat. Dann brachten
Busse das ca. 160 LäuferInnen starke Feld nach Norden an den
Strand von L’Amelie. Zum Schutz gegen den Sand hatte ich
Damenstrümpfe über meine Schuhe gezogen (ein extrem
wertvoller Tipp von Holger), andere hatten Gamaschen oder
ähnliches übergestülpt, denn ohne Schutz vor dem
allgegenwärtigen Sand war ein Durchkommen fast unmöglich.
Zuerst liefen wir mehrere Kilometer über den Strand. Nur ein
schmaler Bereich ließ sich ganz gut laufen, die gesamte Breite
war zu tief oder zu feucht. Dann ging es über die Dünen ins
Hinterland. Die sandigen Wege waren manchmal mit einer dünnen
Grasnarbe bewachsen, oft mit Pinien- oder Kiefernnadeln voll gerieselt.
Doch überall war Sand. Lediglich kurze Stücke führten
über befestigte oder asphaltierte Wege. Ein kilometerlanger
Sandkasten reihte sich an den nächsten. Das war verdammt hart.
Und die Sonne knallte ordentlich: deutlich über 30°C am
frühen Nachmittag ließen den Schweiß strömen. Zum
Glück gab es genug Wasser, wenn auch nichts anderes an den
Verpflegungsstellen. Gels oder Bars mussten ja sowieso in der
Eigenverpflegung enthalten sein.
Nach scheinbar endlosen Windungen durch Kiefernwälder, Dünen
und Heideflächen erreichten wir wieder den Campingplatz von Le Pin
Sac und durch einen großen Bogen das Ziel nach 40,2 Kilometern.
Ich brachte dafür 6:00:10h.
Auch wenn ich nicht auf einen guten Platz oder eine gute Zeit aus war
beim Trans Aq, so ist das doch ein Beleg für die immense
Schwierigkeit der Strecke.
Sunny und Said waren vor mit angekommen, Holger und Lama kamen kurz
darauf. Dima hatte sich unterwegs wohl verlaufen und kam erst sehr viel
später an obwohl die Strecke mit Flatterband eigentlich recht gut
markiert war. Insgesamt war es jedoch eine wirklich sehr schöne
Etappe durch eine tolle, abwechslungsreiche Landschaft, die einem aber
auch viel abverlangte.
Nach Dusche, dem Waschen der Laufklamotten (man hat halt im
Rücksack nur das allernötigste dabei) und ein wenig Ruhe im
Zelt haben wir unser Essen gekocht. Jeder hatte seinen Beutel Trecking
Nahrung oder was sonst auch immer. Es gab von der Organisation
lediglich Wasser, das aber großzügig. Mit dem Gaskocher war
das alles kein Problem. Es gab wieder ein Briefing für die 2.
Etappe und ein Route-Book. Dann war der Tag schnell vorbei und die
LäuferInnnen legten sich in ihre Zelte zum Schlafen.
Am 05.06. warteten ‚nur’ 30,4 Kilometer auf uns. Nach dem
Frühstück aus dem Rücksack und Zusammenpacken gab es
noch mal Wasser und dann ging es um 8:00 Uhr los. Wieder zog sich das
Feld schnell in die Länge. Und erneut folgte ein tiefsandiger Weg
auf eine Stück dünnen Pflanzenbewuchs und einen Kiefernwald.
Das mag sich alles eintönig anhören, doch wer Augen und Ohren
für den Reiz dieser Landschaft aufhält wird unheimlich viel
entdecken und genießen. Es folgte ein längeres Stück an
einem See, dessen Ufer teilweise an extremen Cross erinnerte. Da fing
ich an zu Schwächeln, aber ein erfahrener Ultra weiß, das
läuft sich raus.
Also Energie nachschieben aus dem Rücksack und weiter ging es. An
einem Leuchtturm vorbei erreichten wir dann einen betonierten
‚Radweg’. Eigentlich hatte er diesen Namen nicht verdient,
war er höchstens 40cm breit und oft genug versandet (der
allgegenwärtige). Ihm folge die Läuferschar einige letzte
Kilometer und erreichte das Ziel auf dem Campingplatz von Carcans. Ich
traf nach 5:21:06h ein, die Schwäche aus dem Mittelteil war wieder
größtenteils verflogen. Sunny, Said und Holger waren bereits
da, Dima und Lama hatten erneut eine falsche Abzweigung genommen und
trafen erst sehr viel später ein. Zudem hatte Lama so starke
Schmerzen an der Achillesferse, dass sie am nächsten Morgen nicht
mehr an den Start gehen konnte. Doch sie war bei weitem nicht die
erste, die aufgeben musste. Und viele andere liefen bereits mit Blasen
und Schmerzen. Der Sand und die Hitze lassen den Körper und
besonders die Füße leiden.
Wieder war Duschen, Klamotten waschen und Essen machen angesagt. Ebenso
Briefing und Studium des Route-Books. Auf so engem Raum unter solchen
Bedingungen, das schweißt zusammen.
Und dann kam der Hammer. Die 3. Etappe war das Königsstück:
68,5 Kilometer durch teilweise extremes Gelände. Es ging um 07:00
los. Und waren die erste Hälfte wie gewohnt sandige Wald- und
Heidewege mit kurzen befestigten Teilen, so hatte der zweite Abschnitt
noch ein paar nette Feinheiten. Lange schattenlose Stücke mit
extrem tiefen und feinen Sand, kilometerlanges Auf und Ab über
eine schier endlose Anzahl Hügel und Dünen – heftigst.
Und über allem stand die Sonne bei fast 40°C über Mittag.
Die Organisation hatte ein einsehen und verkürzte die Strecke
etwas, da sonst zu viele das Ziel wohl nicht mehr im Zeitlimit erreicht
hätten.
Holger und ich liefen die ganze Zeit zusammen und ziemlich ausgepumpt,
aber überglücklich erreichten wir nach 9:41:00 das
vorverlegte Ziel. Sunny und Said waren wieder vor uns, Dima kam nach.
Trotz der extremen Bedingungen bin ich hier meine beste Etappe gelaufen
und war danach auch relativ schnell wieder erholt.
Mit einem Wagen fuhr man uns zum Cap Ferret, der Nordspitze der Bucht
von Arcachon. Dort war ursprünglich das Ziel geplant und deswegen
stand da unser Zeltlager auf dem wundervollen Sandstrand direkt am
Atlantik. Ein herrliches Fleckchen. Wieder gab es Trinkwasser, Duschen
und Wäschewaschen. Zum Rucksackessen gab es zu Feier des Tages
heute eine Flasche Wein für jedes Zelt. Wir haben bis tief in die
Nacht zusammen gesessen, das Meer genossen und das Erlebte
ausgetauscht.
Leider hatte Holger sich entschieden nicht mehr weiter zu laufen. Wir
waren alle sehr traurig über seine Entscheidung. Aber er hatte sie
für sich getroffen und so mussten wir alleine weiter machen.
Dann am folgenden Morgen brauchten wir nicht so früh raus: Erstmal
ausschlafen. Noch ein paar herrliche Stunden am Strand und eine
Essensration aus dem Vorrat, bevor wir am Nachmittag mit unseren
Rucksäcken an der anderen Seite des Cap Ferret eingeschifft wurden
und die Bucht von Arcachon überquerten. Am Fuß der Düne
von Pyla landeten wir an. Da die Boote nicht bis an den Strand kamen
wegen des seichten Wassers sind wir noch ein Stück durchs Meer.
Pech, wer sich hier schon die Füße abgetaped hatte. Dann
ging es die Düne hoch (mit über 100 Metern die
größte in Europa).
Und von dort oben war es ein überwältigender Ausblick, einer
der schönsten meines Lebens. Nach Westen Meer bis zum Horizont,
über dem langsam die Sonne versank. Noch Osten grüne
Wälder soweit das Auge reicht, über die sich immer
länger werdend der Schatten der Düne ausbreitete. Und man
selber hoch über allem – wahrhaft grandios.
Wir hatten gut zwei Stunden dieses Naturschauspiel zu genießen.
Dann war um 21:50 die Sonne im Meer versunken und um 22:00 startete
unsere Nachtetappe über 30,2km. Es ging für 3,5km über
den Dünenkamm und danach in die Wälder. Dunkelheit
hüllte schnell alles ein und im Licht der Stirnlampen ging es
weiter. Auf den Tagetappen sah man das nicht so. Erst im Lampenlicht
sah man den ganzen Staub und Dreck, den die LäuferInnen vor einem
aufwirbelten und der am geschwitzten Körper hängen blieb.
Und die Zeit verflog. Der fast volle Mond gab ein wenig Orientierung.
An jeder Abzweigung zeigten Leuchtstäbchen den richtigen Weg an.
Man sah sie schon von weitem schimmern. Meine Angst vor einem Verlaufen
in der Dunkelheit war völlig unbegründet. Auch wenn ich
05:03:08h für die Strecke brauchte, die mir irgendwie sandiger
vorkam als sonst, in der Finsternis war die gefühlte Strecke wie
im Flug hinter mir. Jetzt noch schnell duschen, einen Happen essen und
ganz schnell in den Schlafsack.
Nach viel zu wenig Schlaf ging es schon wieder los. Das allmorgendliche
Ritual. Dann fuhren uns Busse zum nächsten Startort, dem
Mimizan-Plage. Auf der einstündigen Fahrt konnte man sich noch
etwas Ruhe antun. Doch jetzt war die Sonne richtig da und auf der
heißesten Etappe brannte sie ordentlich. Und besonders auf den
letzten der 35,3 Kilometer ging es über extreme Steilhänge
dem Ziel entgegen. Es war noch mal richtig hart, aber auch wieder
wunderschön. Nach 06:37:40h habe ich das Ziel erreicht: wieder ein
Campingplatz unter Kiefern, wieder toll gelegen. Dusche, Essen,
Genießen. Zu Belohnung gab es ein Dose Cola und einen Pfirsich.
(Ich mag Pfirsich nicht besonders, aber nach soviel Tütenfutter
war was Frisches wunderprächtig). Es war ein so herrlicher Tag,
viele haben die Nacht vor dem Zelt unter freiem Himmel geschlafen.
Dann wieder ein Morgen, Freitag, der letzte Tag. Jeder war freudig
erregt und doch mit einem Funken Wehmut behaftet. Um 08:00 ging es auf
die letzten 25,5 Kilometer. Irgendwie habe ich die Wege viel besser zu
laufen empfunden, als all die Tage zuvor. Durch ein Naturschutzgebiet
und lange Zeit an einem verschlungenen Fluss entlang war man nach 14,5
Kilometern über einen Dünenkamm am Meer. Die restlichen 11
ging es am Strand entlang. Man musste oft seinen Weg suchen. Ein
schmaler Streifen zwischen Wasserkante und Dünen war prima zu
laufen. Ich hatte plötzlich riesige Kräfte und habe die vor
mir Laufenden eingesammelt. Dann floss der Fluss aus dem
Naturschutzgebiet ins Meer. Und wir mussten mitten durch: keine Steg,
keine Brücke, nichts. Manche zogen sich die Schuhe aus, andere
stülpten Plastiktüten über.
Ich bin einfach durch. Noch 6km. Scheiß was auf die Blasen, die
ich da noch bekommen sollte. Und ich bekam keine. Man sah die
Häuser des Zielortes schon vom Fluss aus auf den Dünen. Und
langsam kamen sie näher. Die Euphorie stieg. Dann waren die
Häuser erreicht. Noch um eine Düne herum und durch tiefen
Sand den Strand hoch. Der Zielbogen vor mir. Ein paar Schritte. Da.
Angekommen, Ende, geschafft. Endlich – schon vorbei? Tausend
Gefühle kommen da gleichzeitig. Jubel, Heulen – alles auf
einmal.
Ich habe schon viele harte Kanten gelaufen, verrückte Sachen
gemacht. Aber der Trans Aq’ hat sie alle geschlagen. Nie war es
so hart, doch niemals schöner.
Im Ziel wartete Essen und Trinken auf die Angekommenen. Auch unsere
Taschen mit all dem guten Zeug. Eine Dusche und endlich rein in Sachen,
die nicht zum Himmel nach Sechstageschweiß gestunken haben. Alle
waren froh, alle stolz und überglücklich. Ich könnte
noch ewig über diese herrliche Zeit im Ziel philosophieren. Nur
wer auch schon mal so was erlebt hat, kann solche Gefühle
nachvollziehen. Doch alles ist mal vorbei.
Ich hatte nach 38:17:29h gefinished (106.gesamt). Said (92.) brauchte
35:57:05, Sunny (98.) 36:30:49 und Dima (128.) erreicht nach 44:08:42
das Ziel.
Leider konnten wir nicht bis zum Abend auf die Afterrunparty warten, da
wir alle aus beruflichen Gründen nur allzuschnell wieder
eingespannt waren. So endete die sicherlich härtest Woche meines
Lebens, doch es war sicher auch eine der Schönsten. Wer mal was
ganz anderes machen möchte, viel Ausdauer und Kraft hat (besonders
auch im Kopf), dem sei der Trans Aq’ ans Herz gelegt. Die
Schinderei ist gewaltig aber sie lohnt sich wie kaum eine andere.
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